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eigenes

Es war ein Tag, wie man sich ihn fürchterlicher nicht vorstellen konnte. Selbst wenn das wollte. Und ich wollte. Schließlich verliert man nicht jeden Tag ein Familienmitglied. Dieser Umstand bringt im Normalfall immer eine gehörige Portion Traurigkeit mit Tendenz zur mittleren Depression mit sich, auch wenn er im Grunde genommen kein echtes Familienmitglied war. Zumindest nicht was die Gene anbelangt. Dass dabei das Wetter nicht mitspielte und wie zum Hohn die Sonne auf die am Friedhof Wartenden schien, wie denn als fürchterlich, konnte man das bezeichnen? Widerlich vielleicht, Der Herr Bernhard hätte es wahrscheinlich als äußerst widerliches Wetter bezeichnet, wie es nur die tiefste Provinz hervorbringen kann.
Viele warteten ja nicht, was mich ebenfalls sehr unglücklich stimmte. Nein, das hatte er nicht verdient. So zu sterben und dann noch nur von einer Handvoll Menschen zur letzten Ehre geleitet zu werden. Natürlich war uns allen, die hier warteten klar, dass sein Ende eher früher als später nahen würde. Nichts anderes durfte man von einem Suizidgefährdeten, wie es heute so schön heißt, erwarten. Wenn man von solchen überhaupt etwas erwarten durfte. Der erste Unfall vor ein paar Jahren erschien noch allen als ein solcher. Ein Unfall halt. Eine Straße, ein Auto und einer, der diese Straße eine Spur zu langsam überquert hatte. So etwas soll vorkommen. Dachten wir. Doch als nur ein paar Tage darauf ein weiterer Unfall passierte, fast ident zum Ersten, mit Ausnahme dass das touchierende Fahrzeug diesmal ein Traktor war, fingen die ersten zu grübeln an. Und ich war unter ihnen. Ok, ein Bein eingegipst kann selbst ein im Ort fahrender Traktor ziemlich schnell unterwegs sein. Es war dennoch mehr als seltsam. Kismet nannten es damals noch die Optimisten in der Familie. Heute standen sie alle da, die Optimisten. Nun ja. Fast alle.
Natürlich wurde mir die Grabrede aufgehalst. Weil ich ihn am besten kannte, so meinten sie. Aber kannte ich ihn tatsächlich so gut? Hätte ich nicht merken müssen, dass mit ihm etwas nicht stimmt, dass seine Todessehnsucht eine doch sehr ausgeprägte war und Unfälle nicht immer Unfälle sind? Scheiße. Ich hätte es verhindern können, hätte ich nur besser aufgepasst. Und genau das schienen mir die starren Augen der mir Umstehenden sagen zu wollen. Du hättest es verhindern können, verdammt noch mal! Dann stünden wir nicht hier, bei strahlendstem Sonnenschein um uns zu verabschieden.
Oh wie ich sie alles hasste in diesem Moment. Sicher, in gewisser Weise war ich für ihn verantwortlich. Aber wer war es denn, der mich in diese Situation, der ich offensichtlich nicht gewachsen war, gedrängt hat?
Was sagte dieser Booker Washington „I will not allow men narrow my soul by making me hate him?“ Ich nehme an, er musste niemals eine Grabrede halten, sonst wären seine Worte andere gewesen. Ich war dran. Alle wollten es hinter sich bringen und schon hörte ich das Nuscheln hinter mir, ich solle endlich anfangen. Tränen schossen mir in die Augen, ich schluckte den Brocken im Hals, der mich am Atmen hinderte und ins Freie drängte hinunter und sah mich um bevor ich meine Stimmer erhob: „Lieber Waldemar! Wenn du jetzt noch unter uns sein könntest, könntest du mich sagen hören: Du warst ein guter Hund ....“

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